Armut sichtbar machen – das Zusammenspiel von Sozialplanung, Sozialraum und Sozialer Arbeit

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Sozialraum und Armut

Abstract

Armut verteilt sich innerhalb einer Kommune sehr ungleich über die Stadtteile. Der Beitrag unserer Autorin Lisa Barting zeigt, wie eine strategische Sozialplanung diese Unterschiede sichtbar macht und zur Grundlage sozialpolitischer Entscheidungen werden lässt. Am Planungsprozess wird deutlich, wie aus der Auswertung quantitativer und qualitativer Daten gemeinsam mit Fachämtern und freien Trägern passgenaue Angebote im Quartier entstehen. Der Sozialen Arbeit kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Beziehungsarbeit, armutssensible Beratung sowie die Förderung von Demokratie und Teilhabe sind Kompetenzen, die in Fortbildung und Studium stärker verankert werden sollten.

Armut ist mehr als materielle Einschränkung

In Deutschland und vor allem auch in Nordrhein-Westfalen gibt es viele Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen und als armutsgefährdet gelten. Im Jahr 2025 betrug diese Armutsgefährdungsquote in NRW 17,8 %, das sind insgesamt etwa 3,2 Millionen Menschen (vgl. IT NRW, 2025).

Armut zeigt sich nicht ausschließlich in materiellen Einschränkungen, sondern ebenso in fehlenden Zugangsmöglichkeiten und begrenzten Ressourcen in verschiedenen Lebensbereichen. Dazu gehören vor allem Bildung, Wohnen, Gesundheit, Kultur und gesellschaftliche Teilhabe. Ein Leben in Armut kann die eigene Biografie und das Zusammenleben nachhaltig negativ prägen. Kinder und junge Menschen in Armutslagen haben beispielsweise deutlich seltener Zugang zu nonformalen Bildungs- und Förderangeboten wie PEKiP, Krabbelgruppen oder Babyschwimmen und erleben eine eingeschränkte Erfahrungswelt. Aufgrund häufig beengten Wohnraumes verfügen viele weder über einen eigenen Schreibtisch noch ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Sie müssen im Alltag häufig mit Verzicht und Ausschluss umgehen (vgl. Volf et al., 2019).

Viele dieser Erkenntnisse aus bundesweiten Studien werden durch Erlebnisse und Wahrnehmungen auf der lokalen Ebene bestätigt. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Städten und Gemeinden und auch innerhalb einer Stadt kann sich Aufwachsen und soziales Leben sehr unterschiedlich gestalten. Der Zusammenhang zwischen räumlichen und sozialen Faktoren ist dabei unumstritten. So gibt es beispielsweise wohlhabende Stadtteile, die eine ansprechende Umgebung mit vielen Nahversorgungsmöglichkeiten bieten und in denen aufgrund der Mietpreise nur Menschen mit gutem bis hohen Einkommen wohnen. Und es gibt solche Stadtteile, die viele Gebäude mit schlechter bis prekärer Bausubstanz aufweisen, wenig Grünflächen und wenig Anreize bieten und die häufig die einzige Möglichkeit für Menschen mit geringem Einkommen sind, sich Wohnraum dort zu leisten. Die kleinräumige Betrachtung dieser unterschiedlichen Faktoren und Bereiche ist wesentlich, um seitens der Stadtgesellschaft auf die Komplexität von Benachteiligungen reagieren und Lösungsansätze entwickeln zu können.

Sozialplanung als Steuerungsinstrument

Genau hier setzt das Instrument der integrierten, strategischen Sozialplanung an. Eine integrierte und strategische Sozialplanung ist ein kommunales Planungsinstrument, mit dem sozialpolitische Prozesse aktiv gestaltet werden. Ihr Ziel ist es, die Unterschiedlichkeiten innerhalb einer Kommune sichtbar zu machen und als Entscheidungsgrundlage heranzuziehen, um gezielt Teilhabechancen zu verbessern. Strategisch und integriert bedeutet dabei idealtypisch, dass alle Fachbereiche der kommunalen Verwaltung sowie Politik, Wohlfahrtspflege und Zivilgesellschaft in die Entscheidungs- und Handlungsprozesse einbezogen werden. Zugleich verfolgt die Sozialplanung einen langfristigen, vorausschauenden und aktiven Ansatz. Eine wesentliche Grundlage bilden die Auswertung sozialstatistischer und qualitativer Daten sowie deren Nutzung für sozialpolitische Entscheidungen. Ebenso wichtig ist der Aufbau von Kooperationen und Netzwerken innerhalb der Kommune sowie mit externen Akteur*innen (vgl. Bartling et al., 2019).

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Wie kann gesellschaftliche Teilhabe in Quartieren mit hoher Armutsquote gelingen? Quelle: Ahmed Slimene, Unsplash

Sozialplanung ist, anders als die Kinder- und Jugendhilfeplanung, keine kommunale Pflichtaufgabe, d.h. es bedarf immer einem starken Willen seitens des Sozialdezernates oder der politischen Spitze. Die Sozialplanerin* der Sozialplaner ist die Person, die den Gesamtprozess moderiert und als Klammer fungiert. Im Rahmen einer kleinräumigen Analyse werden Datensätze aus unterschiedlichen Fachämtern aggregiert auswertet, kartographische Übersichten erstellt und die Analyse der Daten wiederum mit den Kolleg*innen aus den unterschiedlichen Fachämtern diskutiert. Eine solche fachbereichsübergreifende Planungsrunde ist ein wesentliches Element und Erfolgskriterium für einen gelingenden Sozialplanungsprozess. Neben der wichtigen Analyse von quantitativen und qualitativen Daten bildet die Fokussierung auf einen oder mehrere Stadtteile ein wichtiges Element innerhalb des Sozialplanungsprozesses. Es geht dabei darum zu eruieren, welche Sozialräume in mehreren Bereichen vom städtischen Mittelwert abweichen und demnach besonders viele Herausforderungen aufweisen. Gemeinsam mit Akteur*innen aus unterschiedlichen Ämtern (Jugendamt, Gesundheitsamt, Sozialamt, Jobcenter, Bildungsmonitoring) sowie mit lokalen Trägern der freien Wohlfahrtspflege werden Handlungsziele entwickelt und Ressourcen gezielt gesteuert. Es kann dabei beispielsweise ein neues Quartiersbüro entstehen, in dem sowohl Jugendamt als auch Jobcenter eine gemeinsame Sprechstunde abhalten, oder ein niederschwelliges Bewegungsangebot im öffentlichen Raum installiert werden oder ein neues Elterncafé für Alleinerziehende mit Kinderbetreuung entwickelt werden. Je nachdem, welche Bedarfe aus den Daten hervorgehen und welche Kooperationsbezüge es bereits gibt oder wo ggf. blinde Flecken sichtbar werden.

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Die Rolle der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit spielt eine wesentliche Rolle bei genau dieser Entwicklung von passgenauen Angeboten und bei der Umsetzung dieser. Denn gesellschaftliche Teilhabe wird insbesondere dann ermöglicht, wenn im Quartier eine gut zugängliche, niedrigschwellige soziale Infrastruktur, beispielsweise in Form von Beratungsangeboten, vorhanden ist. Gerade für Menschen in Armutslagen können niedrigschwellige und aufsuchende Unterstützungsangebote einen ersten Schritt zur Stärkung ihrer sozialen Kompetenzen darstellen. Dadurch kann die Bereitschaft entstehen, sich an leicht zugänglichen Gruppenangeboten, etwa Mitmachaktionen im Rahmen der klassischen Gemeinwesenarbeit, zu beteiligen. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Beziehung zwischen den Fachkräften und den Bewohner*innen zu. Beziehungsarbeit, armutssensible Beratung sowie die Förderung von Demokratie und Teilhabe sind daher wesentliche Bestandteile und Kompetenzen einer quartiersbezogenen Sozialen Arbeit (vgl. Oehler et al., 2023). Diese Ausrichtung sollte künftig sowohl durch Fortbildungen im beruflichen Alltag als auch in den Studiengängen der Sozialen Arbeit stärker verankert werden.

Literatur

  • Barting, Lisa; Czommer, Lars, Marx, Susanne; Stegmann, Tim (2019): Grundlagen für eine integrierte und strategische Sozialplanung in der Kommune – Eine Arbeitshilfe für Kommunen und Träger.
  • Oehler, Patrick; Janett, Sandra; Guhl, Jutta; Fabian, Carlo; Michon, Bruno (Hrsg.) (2023): Marginalisierung, Stadt und Soziale Arbeit. Soziale Arbeit im Spannungsfeld von Politik, Quartierbevölkerung und professionellem Selbstverständnis. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37386-3 (Zugriff 17.08.26)
  • Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) (2025): Armutsgefährdungsquote in Nordrhein-Westfalen auf Basis des Mikrozensus. Düsseldorf. NRW: 3,2 Millionen Menschen waren 2025 armutsgefährdet | Landesbetrieb IT.NRW (Zugriff: 17.08.2026)
  • Volf, Irina; Sthamer, Evelyn; Laubstein, Claudia; Holz, Gerda; Bernard, Christiane (2019): Wenn Kinderarmut erwachsen wird … AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-)Folgen von Armut im Lebensverlauf. Endbericht der 5. AWO-ISS-Studie im Auftrag des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main: Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.

Weitere Infos zur Autorin

Kontakt: l.bartling@gib.nrw.de
Website: https://gib.nrw.de/mitarbeiter/lisa-bartling/

Lisa Bartling

Lisa Bartling

Kontaktdaten: l.bartling@gib.nrw.de

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