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Wohnungslosigkeit
Abstract
Housing First folgt auf den ersten Blick einer einfachen Idee: Menschen, die obdachlos sind, erhalten zunächst eine eigene Wohnung – und anschließend die Unterstützung, die sie benötigen und wünschen. Was wie eine bloße Umkehrung der Reihenfolge von Wohnen und Hilfe erscheint, stellt jedoch zugleich unser eigenes Selbstverständnis als Fachkräfte infrage.
Einleitung
Die Wohnungslosenhilfe folgt historisch bedingt vielerorts noch einer Stufenlogik. Menschen sollen durch niedrigschwellige Angebote, Einrichtungen oder Übergangswohnungen zunächst „stabilisiert“, „angebunden“ oder „behandelt“ werden, bevor der Übergang in eine Wohnung mit eigenem Mietvertrag erfolgt. Dahinter steht häufig die Vorstellung, zunächst eine bestimmte Form von „Wohnfähigkeit“ herstellen zu müssen – obwohl diese weder klar definierbar noch ein fachlich belastbares Konzept ist (vgl. Nagel 2025). Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen, Substanzgebrauchsstörungen oder anderen komplexen Problemlagen bewegen sich dadurch nicht selten über Jahre zwischen Straße, Notunterkünften und unterschiedlichen Hilfesystemen (vgl. Tsemberis und Hauprich 2025). Sie verschwinden in einer Art „Bermudadreieck“ (Wessel 2002) zwischen Wohnungslosenhilfe, Psychiatrie und Suchthilfe – und versterben nicht selten, als „Systemsprenger“ etikettiert (vgl. Henke 2024), vor unser aller Augen im öffentlichen Raum. Eine Katastrophe auf allen erdenklichen Ebenen.
Housing First kehrt diese Logik um: Wohnen wird nicht als Ergebnis eines erfolgreichen Hilfeprozesses verstanden, sondern als dessen Voraussetzung. Eine eigene Wohnung schafft Sicherheit und damit überhaupt erst die Grundlage für persönliche Recovery-Prozesse sowie gesundheitliche und soziale Stabilisierung (vgl. Rapp und Goscha 2011). Menschen müssen weder Abstinenz noch Therapieerfolge oder institutionelle Anpassung nachweisen, um eine eigene Wohnung beziehen zu können.
Dahinter steht eine grundlegende Frage professioneller Sozialer Arbeit: Wer entscheidet eigentlich darüber, was ein Mensch benötigt und wie sein Leben aussehen soll? Was ist dieses „normale“ Leben, auf das Hilfe ausgerichtet wird – und wer besitzt die Macht zu definieren, was „normal“ überhaupt bedeutet?
Wenn Hilfe Bedingungen stellt
Soziale Arbeit bewegt sich stets in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis – einer Antinomie – zwischen Hilfe und Kontrolle und damit auch zwischen institutionellen Aufträgen und den ethischen Grundüberzeugungen der Profession (vgl. Staub-Bernasconi 2018). Professionelle Helfer*innen verfügen über Wissen, Ressourcen und institutionelle Handlungsmöglichkeiten – und damit über Macht. Problematisch wird diese dort, wo existenzielle Rechte an professionell definierte Verhaltensanforderungen oder Hilfeziele gekoppelt werden: „Bevor Herr Müller nicht einsieht, dass er ein Alkoholproblem hat, suche ich doch keine Wohnung für ihn!“
Wer entscheidet, wann ein Mensch „bereit“ für eine Wohnung ist – und nach welchen Maßstäben? Muss eine psychiatrische Behandlung angenommen werden oder besteht auch ein Recht darauf, mit der eigenen Erkrankung anders umzugehen? Ist Abstinenz notwendige Bedingung, fachliches Ideal – oder gibt es auch ein Recht auf Rausch?

Gerade Menschen mit dem höchsten Unterstützungsbedarf „scheitern“ häufig an solchen künstlichen Anforderungen und Normalitätsvorstellungen. Oder anders gesagt: Das System lässt sie scheitern. Gleichzeitig wird ein strukturelles Problem individualisiert: Fehlender bezahlbarer Wohnraum (vgl. Deschermeier et al. 2023) und Ausschlussmechanismen des Wohnungsmarktes (Gille et al. 2024) werden in eine vermeintlich individuelle Unfähigkeit übersetzt – der Mensch gilt als nicht „wohnfähig“. Man könnte die Perspektive auch umkehren: Wohnungspolitik und Hilfesystem sind nicht fähig, ein Zuhause zu ermöglichen.
Housing First stellt diese Perspektive infrage. Als Sam Tsemberis Anfang der 1990er Jahre den Ansatz in New York entwickelte, fragte er langzeitobdachlose Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen selbst, was sie benötigten. Eine Antwort war ebenso einfach wie grundlegend: Isn’t it obvious? I need a place to live. Ein anderer Betroffener trennte die Problemlagen sinngemäß noch deutlicher: „Ich bin seit zwanzig Jahren abhängig, aber erst seit fünf Jahren obdachlos. Ich kenne den Unterschied zwischen Abhängigkeit und Obdachlosigkeit.“
Eines wurde deutlich: Was auch immer die Menschen benötigten – das bestehende Hilfesystem hielt es für viele nicht bereit. Housing First ging deshalb den Weg, den die meisten selbst einschlagen wollten: mit einer eigenen Wohnung beginnen und anschließend die Hilfen wählen, die sie möchten – in ihrem eigenen Tempo.
Psychiatrische, sozialarbeiterische oder suchtbezogene Unterstützung wird weiterhin und intensiv angeboten, aber nicht mehr zur Bedingung für das Wohnen gemacht. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: „Was müssen Sie tun, damit wir Ihnen eine Wohnung ermöglichen können?“ Sondern: „Was können wir tun, damit Sie das Leben führen können, das Sie führen möchten?“
Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Substanzgebrauchsstörungen leben selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung – das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Selbstbestimmung ernst nehmen
Housing First hat seine Wurzeln in Recovery-orientierten und gemeindepsychiatrischen Ansätzen. Eine zentrale Annahme lautet, dass Menschen auch mit schweren psychischen Erkrankungen, Substanzgebrauchsstörungen oder nach langer Obdachlosigkeit Träger*innen eigener Rechte bleiben. Dazu gehört insbesondere das Recht auf Selbstbestimmung. Housing First geht zudem davon aus, dass Menschen auch in Krisen vernünftige Entscheidungen für ihr eigenes Leben treffen können – und das jeden Tag tun.
Für die Soziale Arbeit wird das anspruchsvoll, sobald Menschen Entscheidungen treffen, die Fachkräfte für problematisch halten. Ein Mensch kann weiter Alkohol trinken, obwohl die Sozialarbeiterin Abstinenz für sinnvoll hält. Er kann eine psychiatrische Behandlung ablehnen oder andere Ziele verfolgen. Und in der Regel stellt dies auch kein Problem für die übergeordneten eigenen Lebensziele dar. Denn wir sollten nicht vergessen: Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Substanzgebrauchsstörungen leben selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung – das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Selbstbestimmung bedeutet deshalb nicht nur, zwischen professionell erwünschten Optionen wählen zu können. Sie beinhaltet auch das Recht, Entscheidungen zu treffen, die Fachkräfte nicht teilen. Diese können und müssen selbstverständlich beraten, widersprechen, Risiken benennen und zur Veränderung motivieren. Aber zwischen jemanden zu einer Veränderung bewegen zu wollen und diese Veränderung zur Voraussetzung für existenzielle Unterstützung zu machen, besteht ein erheblicher Unterschied.
Wohnen als Recht statt als Belohnung
Damit berührt Housing First unmittelbar das Selbstverständnis Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession. Wohnungslosigkeit bedeutet weit mehr als das Fehlen eines Daches über dem Kopf. Wer auf der Straße lebt, verliert Privatheit, Sicherheit und Rückzugsmöglichkeiten. Gesundheitliche Risiken steigen und gesellschaftliche Teilhabe wird erheblich erschwert. Vor allem geht schnell etwas verloren, das einen zentralen Bestandteil menschlicher Würde ausmacht: die Möglichkeit, über das eigene Leben zu bestimmen – einschließlich des Rechts, etwas zu riskieren, falsche Entscheidungen zu treffen und zu scheitern.
Eine Wohnung schafft deshalb nicht erst am Ende eines erfolgreichen Hilfeprozesses Normalität. Sie schafft häufig überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass Veränderung möglich wird. Housing First versteht Wohnen entsprechend nicht als Belohnung für gelungene Anpassung, sondern als grundlegendes Bedürfnis und soziales Recht.
Dass diese Haltung keineswegs naiv ist, zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte. Internationale und deutsche Evaluationen zeigen immer wieder hohe Wohnstabilitätsraten sowie Verbesserungen der Gesundheit und sozialen Integration (Pleace 2013; Padgett et al. 2016). Auch Menschen, denen zuvor mangelnde „Wohnfähigkeit“ zugeschrieben wurde, können dauerhaft in regulärem Wohnraum leben – und dort wieder ein Zuhause haben. Menschen treffen auch unter schwierigen Bedingungen in aller Regel vernünftige Entscheidungen für ihr eigenes Leben. Nicht das ist die Ausnahme – erklärungsbedürftig ist vielmehr die professionelle Annahme, wir könnten es grundsätzlich besser.
Was verändert Housing First für die Soziale Arbeit?
Die eigentliche Provokation von Housing First liegt deshalb vielleicht gar nicht in dem Satz „Erst die Wohnung, dann die Hilfe“. Sie liegt darin, dass der Ansatz professionelle Gewissheiten und Machtverhältnisse infrage stellt.
Housing First fordert Fachkräfte dazu auf, weniger darüber zu entscheiden, wann ein Mensch bereit für ein „normales Leben“ ist, und stärker danach zu fragen, welche Unterstützung er benötigt, um sein Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu können. Dazu gehört auch, sich nicht anzumaßen, abschließend darüber zu entscheiden, wie „Normalität geht“ und was für einen anderen Menschen der vernünftigste nächste Schritt ist – und nein: auch nicht heimlich in der Teamsitzung!
Damit verschiebt sich professionelle Macht. Ziele werden nicht allein von Institutionen definiert, Hilfe wird nicht über den Entzug existenzieller Ressourcen erzwungen. Das bedeutet auch, Ambivalenzen auszuhalten und Entwicklungen zu begleiten, die anders verlaufen, als Fachkräfte sie selbst planen würden.
Vielleicht macht Housing First manchen Fachkräften deshalb auch Angst. Denn plötzlich sitzt uns kein „Fall“ gegenüber, sondern ein Mensch auf Augenhöhe – mit eigener Lebenserfahrung, Talenten und Fähigkeiten, die auch mal unsere eigenen übersteigen können, und mit dem Recht, uns zu widersprechen. Für andere ist genau das befreiend: Wir müssen niemanden in Ordnung bringen. Wir sind eingeladen, Menschen ein Stück zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihr Leben wieder zufriedenstellender zu machen.
Literatur
- Deschermeier, Philipp/Hagenberg, Anna-Maria/Henger, Ralph 2023: Wie groß ist der Bedarf an neuen Sozialwohnungen? In: IW-Kurzbericht, Nr. 68/2023.
- Gille, Christoph/Liesendahl, Arnd/Müller, Michael/van Rießen, Anne 2024: Diskriminierung und Barrieren am Wohnungsmarkt. Ergebnisse einer partizipativen Studie, in: wohnungslos, Jg. 66, H. 3, S. 81–85.
- Henke, Jutta 2023: An den Grenzen der Hilfesysteme: Wie lassen sich „Systemsprenger“ versorgen? In: Daßler, Henning (Hrsg.): Wohnungslos und psychisch erkrankt, Köln, S. 128–142.
- Nagel, Stephan 2015: Wohn(un)fähigkeit – ein Wiedergänger in der Wohnungslosenhilfe, in: wohnungslos, Jg. 57, H. 3–4, S. 82–87.
- Padgett, Deborah K./Henwood, Benjamin F./Tsemberis, Sam J. 2016: Housing First. Ending Homelessness, Transforming Systems, and Changing Lives, New York.
- Pleace, Nicholas / Baptista, Isabel / Benjaminsen, Lars / Busch-Geertsema, Volker (2013): The Costs of Homelessness in Europe. EOH Comparative Studies on Homelessness, Nr. 3. Brüssel: FEANTSA. Online verfügbar unter: https://www.feantsa.org/files/Observatory/Comparative-Studies/3/Comparative-Studies-3-Full-Report.pdf (Zugriff: 27.05.2026).
- Rapp, Charles A./Goscha, Richard J. 2011: The Strengths Model. A Recovery-Oriented Approach to Mental Health Services, New York.
- Staub-Bernasconi, Silvia 2018: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität, Opladen/Berlin/Toronto.
- Tsemberis, Sam/Hauprich, Kai 2025: Housing First. Das Pathways-Programm, Köln.
- Wessel, Theo 2002: Im „Bermuda-Dreieck“ – Patienten zwischen Psychiatrie, Obdachlosenhilfe und Suchtkrankenhilfe, in: Nouvertné, Klaus (Hrsg.): Obdachlos und psychisch krank, Bonn, S. 68–79.
