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Femizide
Abstract
Fast jeden Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch Gewalt, häufig durch den aktuellen oder früheren Partner. In der öffentlichen wie institutionellen Bearbeitung erscheinen diese Taten dennoch regelmäßig als tragische Einzelfälle. Der Beitrag fragt, was sich verändert, wenn Femizide mit der Disziplintheorie von Silvia Staub-Bernasconi als komplexes soziales Problem gelesen werden. Die Analyse entlang der Dimensionen Ausstattung, Austausch und Macht zeigt: Femizide sind Ergebnis einer Verkettung individueller und struktureller Bedingungen, stabilisiert durch patriarchale Machtverhältnisse und institutionelle Versäumnisse. Daraus folgt ein Handlungsauftrag, der über Einzelfallhilfe hinausreicht und die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession in die Pflicht nimmt.
Einleitung
Für Femizide existiert weder im amtlichen noch im juristischen Sinne eine einheitliche Definition. Populär wurde der Begriff 1976 durch die Soziologin Diane Russell, die geschlechtsspezifische Tötungen als Ausdruck von Misogynie und patriarchalem Kontrollverhalten fasste; die Vienna Declaration on Femicide benannte 2013 elf Erscheinungsformen. Der vorliegende Beitrag versteht Femizide als extreme Form geschlechtsbezogener Gewalt im Kontext patriarchaler Geschlechterdifferenzen. Der Fokus liegt auf Tötungen durch aktuelle oder ehemalige Partner.

Die Definitionslücke hat unmittelbare Folgen für die Datenlage. Das BKA-Lagebild von 2024 wies 360 getötete Frauen und Mädchen aus, knapp 70 Prozent davon im sozialen Nahraum, vermerkt aber selbst, dass die tatauslösende Motivation in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst wird. Gezählt werden also weibliche Opfer von Tötungsdelikten, nicht Femizide. Nicht abgebildet sind zudem stellvertretende Femizide, bei denen Kinder oder neue Partner getötet werden, um die Frau zu bestrafen.
Auch bei den Risikofaktoren zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Während einzelne Untersuchungen Häufungen bei prekären Lebenslagen und Migrationsgeschichte finden, kommen andere zu dem Ergebnis, dass sich Femizidtäter soziodemografisch nicht signifikant von der Durchschnittsbevölkerung unterscheiden. Analytisch belastbar ist vor allem eine Konstellation: der subjektiv erlebte Verlust von Verfügungsmacht nach Trennung, Karrieresprung oder Schwangerschaft. Nicht die häusliche Gewalt eskaliert, sondern eine über die Beziehung hinweg aufgebaute Kontrolldynamik.
Soziale Probleme in drei Dimensionen
Staub-Bernasconi versteht Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft und Menschenrechtsprofession, deren Gegenstand die Bearbeitung sozialer Probleme ist. Auf Grundlage eines systemischen Paradigmas, in dem Menschen als psycho-biologische Wesen mit biologischen, psychischen und sozialkulturellen Bedürfnissen gefasst werden, unterscheidet sie drei Problemdimensionen. Auf Femizide übertragen ergibt sich folgendes Bild:

Ausstattungsprobleme zeigen sich in ökonomischer Abhängigkeit, fehlenden sozialen Netzwerken, Sprachbarrieren oder unsicherem Aufenthaltsstatus. Es sind Bedingungen, die eine Trennung faktisch verunmöglichen.
Austauschprobleme liegen dort vor, wo Gegenseitigkeit in Beziehungen fehlt und Kontrolle, Abwertung und Isolation dominieren. Gewaltausübung erscheint in dieser Lesart als dysfunktionaler Versuch, soziale Anerkennung wiederzuerlangen.
Machtprobleme schließlich betreffen patriarchale Geschlechternormen, die männliche Dominanz normalisieren, sowie institutionelles Versagen. Polizei und Gerichte, die als begrenzende Kontrollinstanzen legitimiert sind, treten faktisch mitunter als behindernde Kontrollinstanzen auf, wenn Gefährdungslagen falsch eingeschätzt oder Schutzanordnungen nicht durchgesetzt werden.
Ergänzt wird dies durch Menschenrechtsorientierung und Tripelmandat: Neben Hilfe und Kontrolle tritt ein drittes, von der Profession selbst wissenschaftlich und ethisch begründetes Mandat. Es legitimiert Intervention auch ohne expliziten Auftrag und erlaubt die Distanzierung von Aufträgen, die zwar legal, aber ethisch illegitim sind.
Vom Verstehen zum Handeln
Über den transformativen Dreischritt – Analyse (Was- und Warum-Frage), normative Bewertung (Wert- und Woraufhin-Frage), Intervention und Überprüfung (Wer-, Wie-, Womit- und Funktionswissen) – lassen sich daraus konkrete Handlungsperspektiven ableiten.
Für die Ausstattungsdimension bedeutet das den bedarfsgerechten Ausbau von Frauenhäusern und Schutzwohnungen, eine gesicherte Finanzierung sowie einen Schutzanspruch unabhängig von Aufenthaltsstatus und Einkommen. Fehlende Schutzplätze sind kein organisatorisches Defizit, sondern Ausdruck struktureller Ressourcenungleichheit.
Für die Austauschdimension braucht es verbindliche Kooperationsstrukturen zwischen Polizei, Justiz, Jugendhilfe, Frauenhäusern und Beratungsstellen: interdisziplinäre Fallkonferenzen, standardisierte Gefährdungseinschätzungen, klare Zuständigkeiten. Institutionelle Kooperation wird damit zur professionsethischen Verpflichtung.
Für die Machtdimension gilt die Zielformel Staub-Bernasconis, die Transformation von Behinderungs- in Begrenzungsmacht. Praktisch heißt das, patriarchale Dominanzmuster und institutionelle Machtgefälle sichtbar zu machen, Täterarbeit einzubeziehen und bagatellisierende Deutungen nicht hinzunehmen. Zu selten mitgedacht wird dabei das Spannungsverhältnis zwischen dem Umgangsrecht des Vaters und Gewaltschutzmaßnahmen: Familiengerichte drängen auf einvernehmliche Lösungen zugunsten fortbestehenden Kontakts, Näherungsverbote lassen sich parallel kaum aufrechterhalten.
Der Einwand der kritischen Sozialen Arbeit

Mit Roland Anhorn lässt sich fragen, ob die Übersetzung von Kritik in praktikable Handlungsmethodik nicht deren Neutralisierung bedeutet. Gesellschaftlich bedingte Konfliktverhältnisse werden in der Praxis in personalisierte, fachlich portionierte Fallgeschichten transformiert. Staub-Bernasconi verfolgt demgegenüber genau den Anspruch, kritische Perspektiven in professionelle Handlungskonzepte zu überführen. Diese Spannung ist produktiv: Kritische Theorie fungiert als Impulsgeberin, die die Profession zur Reflexion ihrer eigenen Rolle im System zwingt und damit zur Politisierung Sozialer Arbeit beiträgt.
Fazit
Femizide sind kein Randphänomen und keine Beziehungstat, sondern Ergebnis einer Verkettung individueller und struktureller Bedingungen. Für die Praxis folgt daraus, dass Prävention nicht auf Einzelfallhilfe beschränkt bleiben darf: Soziale Arbeit wirkt in doppelter Funktion, im unmittelbaren Schutz betroffener Frauen und in der kritischen Einordnung der Verhältnisse, die diese Gefährdung hervorbringen. Für die Sozialpolitik folgt daraus die Notwendigkeit, Schutzinfrastruktur nicht als freiwillige Leistung, sondern als menschenrechtliche Verpflichtung zu behandeln und die Datenerhebung so nachzubessern, dass die geschlechtsspezifische Dimension der Taten überhaupt sichtbar wird. Für die Wissenschaft Sozialer Arbeit zeigt die Analyse, wie tragfähig disziplintheoretische Zugänge für die Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Problemlagen sind.
Literatur
- Anhorn, Roland et al. (Hg.) (2012): Kritik der Sozialen Arbeit. Kritische Soziale Arbeit als Herausforderung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Anhorn, Roland et al. (Hg.) (2018): Politik der Verhältnisse – Politik des Verhaltens. Widersprüche der Gestaltung Sozialer Arbeit. Wiesbaden: Springer VS.
- Clemm, Christina (2025): Gegen Frauenhass. 6. Auflage. München: Hanser Berlin.
- Cruschwitz, Julia / Haentjes, Carolin (2024): Femizide. Frauenmorde in Deutschland. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. Stuttgart: S. Hirzel Verlag.
- Pülschen, Lea-Sarah / Endres, Johann (2023): Femizidtäter: normale Männer, durchschnittliche Homizidtäter oder psychisch labile Männer? In: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 17, S. 19–24.
- Rebmann, Florian et al. (2025): Femizide in Deutschland. Eine empirisch-kriminologische Untersuchung zur Tötung an Frauen. Forschungskurzbericht. Tübingen: Universität Tübingen.
- Staub-Bernasconi, Silvia (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. 2. Auflage. Opladen, Toronto: Verlag Barbara Budrich.
- Staub-Bernasconi, Silvia (2019): Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füße stellen. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.
- Wendt, Peter-Ulrich (2022): Kritische Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage Folgender wissenschaftlicher ausarbeitung veröffentlicht:
Giombolini, Luca / Heinsius, Peter / Oberländer, J./ Scherer, Andrea (2026): Femizide als Ausdruck struktureller Gewalt. Eine disziplintheoretische Betrachtung nach Silvia Staub-Bernasconi. (Nicht öffentlich)
