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Familienbildung und Soziale Arbeit
Von Dr. Michael Hermes
Abstract
Der Beitrag unseres Autoren Dr. Michael Hermes, skizziert Familienbildung als eigensinnigen Erfahrungsraum zwischen Familie und Gesellschaft als den „dritten Sozialraum“. Statt Wissensvermittlung steht ein dialogischer Möglichkeitsraum im Zentrum, in dem Fachkräfte bestärken und ermutigen. Praxis zeigt sich dabei in zwei Modi: diskursiv-subjektorientierte Themenbearbeitung und instruktive, erzieherisch geprägte Anteile. Beide ermöglichen prozessorientiertes, präventiv wirkendes Lernen aus Erfahrung. Der Beitrag fragt, welche Impulse dies für die Soziale Arbeit insgesamt bereithält.

Familienbildung als Erfahrungsraum
Ausgehend von der These, dass die Familienbildung als ein eigensinniger Erfahrungsraum zu definieren ist, versucht die jüngst erschienene Studie „Familienbildung – Skizze einer Theorie“ Grundbegriffe der Familienbildung zu definieren und Modi Operandi der Praxis der Familienbildung näher zu bestimmen (vgl. Hermes / Müller-Giebeler 2026).
Der dritte Sozialraum
Die familienbildnerische Fachlichkeit bezieht sich auf den sozialen Nahraum der jeweiligen Familien. Modus der Interaktion ist eine spezifisch dialogische Art und Weise. Bildungsimpulse müssen anschlussfähig gemacht werden an die jeweiligen innerfamilialen Logiken. Nicht selten wird in der Praxis – aber auch in der Literatur – an dieser Stelle von einem „Austausch“ gesprochen. Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen jedoch: Fachkräfte bestärken und ermutigen, sie schaffen einen Erfahrungsraum mit einem hohen Stellenwert im Sinne früher Prävention. Dieser ist als dritter Sozialraum zwischen der Familie und der gesellschaftlichen Sphäre angesiedelt. Ihm kommt vor dem Hintergrund eines „dazwischen“ eine spezifische Relevanz im Hinblick auf Aushandlungen zwischen dem familiären Binnen- und Außenmilieu zu (vgl. Hermes / Müller-Giebeler 2023 sowie 2026). Zugleich – und dies unterscheidet sich je nach Kursformat sowie vor dem Hintergrund jeweiliger Themen der teilnehmenden Familien – lassen sich auch Instruktionen der Fachkräfte beobachten, die einem engeren Bildungsverständnis entsprechen oder sogar als Form der Erwachsenenerziehung diskutiert werden können (vgl. Hermes / Müller-Giebeler 2025).
Bildung statt Wissensvermittlung
Innerhalb des konjunktiven Erfahrungsraums Familie ist also eine Wissensebene angesprochen, die – in Abgrenzung zu anderen Formaten wie etwa in der Erwachsenenbildung – nicht durch eine Vermittlung von Wissen von A nach B beschrieben werden kann. Vielmehr soll ein Wissen entstehen, welches im Rahmen einer möglichen Transformation des Selbst- und Weltverhältnisses dann als Bildungsprozess beschrieben werden könnte. Im Hinblick auf Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zeigt sich an dieser Stelle eine Nähe zu offenen Settings wie etwa Erzählcafés oder der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine dementsprechend subjektorientierte Praxis geht nicht in einer klassischen Fallarbeit auf, sondern orientiert sich an einer spezifisch-dialogischen Art und Weise im Hinblick auf die Professionalität: Neben einer Bestärkung der Teilnehmenden, differenziert sich ein spezifischer Modus Operandi der Familienbildung in zwei Facetten aus: Entweder wird im Erfahrungsraum Familienbildung ein Thema (I.) diskursiv bearbeitet. Das spezifische Handeln der Kursleitung kann als subjektorientiert beschrieben werden, welches geglückte Formen der Aneignung akzeptiert und bestärkt. Damit wird das postmoderne Subjekt in den Mittelpunkt gerückt, womit zugleich deutlich wird, dass die Familienbildung nicht frei ist von Anrufungen und Anforderungen weiterer Sozialräume. In der Eröffnung diskursiver Räume zeigt sich zugleich das spezifische bildende Potenzial der Familienbildung, das sich von erziehenden Momenten jenes Modus Operandi unterscheidet, der sich (II.) in Aufforderungen oder gar Instruktionen dokumentiert (vgl. Hermes/Müller-Giebeler 2026). Zugleich wird auf das Potential der Familienbildung verwiesen, soziales Lernen zu ermöglichen, dass prozessorientiert ist. Es ist ein Lernen aus Erfahrung, ein Lernen an Gelegenheiten, in (diversen) Lebenswelten und ein Lernen an Widersprüchen und Brüchen, das im gemeinsamen Erfahrungsraum Familienbildung Reflexion und Neuorientierung ermöglicht. In diesem Sinne entfaltet die Familienbildung auch eine präventive Wirkung. Der Erfahrungsraum Familienbildung ist immer auch ein Möglichkeitsraum zur Stärkung der familialen Alltagspraxis und zur individuellen Entwicklung.
Fachkräfte bestärken und ermutigen, sie schaffen einen Erfahrungsraum mit einem hohen Stellenwert im Sinne früher Prävention
Anschlussstellen für die Soziale Arbeit
Doch inwieweit kann die vorgelegte Perspektive auf die Familienbildung die Soziale Arbeit – handlungsfeldübergreifend – inspirieren? Die nachfolgende Tabelle beleuchtet die Bezugsprobleme & Formalobjekte der Familienbildung. Ausgehend von dieser Beschreibung lassen sich Verbindungslinien zu weiteren Handlungsfeldern ziehen.

Fazit: Den Eigensinn der Familien bewahren
Vor dem Hintergrund einer ihr eingeschriebenen Normativität – auch im Hinblick auf ihre Mandate – wechselt der Fokus der Praxis der Sozialen Arbeit zwischen ihren grundlegenden Methoden sowie den Adressat_innen. Mehr noch: Es geht um ein Verstehen der jeweiligen Lebenswelt(en), nicht immer – aber oft – um Formen der Intervention und dies vor dem Hintergrund eines mehr oder weniger vertrauensvollen Bündnisses zwischen den Adressat_innen und den Professionellen der Sozialen Arbeit. Im Hinblick auf die Arbeit mit Familien kann also unterschieden werden, ob sich die Soziale Arbeit der Entwicklung einzelner Subjekte – hier: der jeweiligen Generation(en) – oder dem Umgang mit einer je familienspezifischen Lebensführung widmet. Und auch die Art und Weise der Praxis kann in den forschenden Blick geraten. Gerade auch, weil eine eigensinnige Praxis nicht nur der Sozialen Arbeit, sondern auch den jeweiligen Familien inhärent ist. Krinninger (2019) fragt an dieser Stelle: Was sollen und was müssen Familien? Die Soziale Arbeit könnte darauf antworten: den Eigensinn der familialen Praxis als Erfahrungsraum bewahren. Die Soziale Arbeit kann dieser Bewährung dienen. Die hier vorgelegten Skizzierungen sollen dazu anregen, darüber nachzudenken, wie dies – im konkreten Handlungsfeld – gelingen kann.
Literatur
- Hermes, M. / Müller-Giebeler, U. (2023): Auf dem Weg zu einer Theorie der Familienbildung – Konturen eines Bildungsbegriffs. In: Soziale Arbeit, H. 3. Berlin, S. 91ff.
- Hermes, M. / Müller-Giebeler, U. (2025): Erzieht die Familienbildung? Zur Rekonstruktion impliziter Aufforderungen. In: Soziale Passagen. https://doi.org/10.1007/s12592-025-00544-9
- Hermes, M. / Müller-Giebeler, U. (2026): Familienbildung – Skizze einer Theorie. Weinheim & Basel.
- Krinninger, D. (2019): Was sollen und was müssen Familien? Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf gesellschaftliche Normierungen und auf immanente normative Strukturen der Familie. In: Vierteljahresschrift für Wissenschaftliche Pädagogik, 95 (2019), S. 349-362.
Infos zum Autor
Michael Hermes ist Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Familienbildung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Standort Köln. Für Agora Sozial schrieb er zum Thema Bildung und Familie in der Sozialen Arbeit.
Kontakt: m.hermes@katho-nrw.de

