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Notwendigkeiten einer politischen, rechtlichen und sozialpädagogischen Neuorientierung
Abstract
Steigende Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe, stetig steigende Zahlen der Inobhutnahmen und ein wachsender Bedarf an Personal treffen auf Fachkräfte, die über eine zu hohe Arbeitsbelastung klagen. Der Beitrag geht der Frage nach dem derzeitigen Zustand der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland nach und setzt dabei politische, rechtliche und sozialpädagogische Schwerpunkte. Die Bestandsaufnahme zeigt ein System, das zu schwerfällig auf dynamische Prozesse reagiert und in seiner Finanzierung wie in seiner Rechtsetzung von wechselnden politischen Mehrheiten abhängig bleibt. Daraus ergeben sich Handlungsvorschläge, die auf mehr fachliche Unabhängigkeit, auf verbindliche Zusammenarbeit über kommunale Grenzen hinweg und auf eine ernsthafte Beteiligung der Adressat*innen zielen.
Einleitung
Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen in Deutschland wächst in einer kindgerechten und sorgenfreien Umgebung auf. Was aber geschieht mit denen, für die Angst, Gewalt und Unsicherheiten zum Alltag gehören? Schon 2015 bemängelten Michael Tsokos und Saskia Etzold den desolaten Zustand innerhalb des deutschen Kinderschutzsystems und forderten, sich mit den Schwachstellen des Systems konstruktiv auseinanderzusetzen. Zehn Jahre später hat sich dieser Befund nicht erledigt.
Ordnet man die Kinder- und Jugendhilfe in die drei Säulen Politik, Sozialpädagogik und Recht, wird ein Grundproblem sichtbar. Soziale Arbeit ist selbst kein Funktionssystem. Ihre Aufgabe im Verhältnis zu den Gesellschaftssystemen ist die eines Sensors für gesellschaftliche Probleme, dessen Beobachtungen an Politik, Wirtschaft und Recht weitergegeben werden. Genau in diesem Zwischenraum entstehen die Spannungen, um die es im Folgenden geht.
Politik: Abhängig von Mehrheiten
Die Kommunen führen die verpflichtenden Aufgaben der Sozialpolitik aus, zu denen die Kinder- und Jugendhilfe gehört, und müssen diese mit eigenen Mitteln finanzieren. Der Ausbau der vergangenen Jahrzehnte hat zu einer Verdreifachung der Kosten geführt, wobei die Kindertageseinrichtungen die Treiber dieser Ausgabenentwicklung sind. Während dort die Ausgaben zwischen 2015 und 2021 um 61 Prozent stiegen, lag der Zuwachs bei den Hilfen zur Erziehung nach Abzug der Inflation bei etwa sieben Prozent.

Wie fragil die politische Grundlage ist, zeigte sich am Ende der Regierungskoalition aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Jugendpolitische Vorhaben wie das Inklusive Kinder- und Jugendhilfegesetz, Kindergrunsicherung oder die Stärkung der Strukturen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt wurden zum Spielball der politischen Debatte. Die Autor*innen des 17. Kinder- und Jugendberichts warnten in einem offenen Brief davor, dass wichtige Vorhaben aufgrund verschobener Mehrheiten liegen bleiben. Die junge Generation, so ihr Appell, brauche ein Zeichen verlässlicher Kinder- und Jugendpolitik gerade in Krisenzeiten.
Sozialpädagogik: Fachkräfte und Beteiligung
Der Fachkräftemangel trifft alle Bereiche. In den Jahren 2020 und 2021 wies die Soziale Arbeit 20.600 unbesetzte Stellen aus, 77 Prozent aller Sozialarbeiter*innen geben an, den Beruf nicht bis zur Rente ausführen zu wollen. In den Jugendämtern führt der häufige Personalwechsel zu Vertrauensverlust und Beziehungsabbrüchen, und das ausgerechnet dort, wo Beziehungsarbeit die Grundlage der Zusammenarbeit bildet.
Ein zweiter Befund betrifft die Beteiligung. Zu häufig wird von Partizipation gesprochen, ohne dass die Daten eine ernsthafte Einbeziehung der Beteiligten hergeben. In Hilfeplangesprächen wird den Kosten einer Maßnahme oft ein höherer Stellenwert zugeschrieben als ihrer Angemessenheit, und die Adressat*innen selbst sind unzureichend eingebunden. Alternative Methoden setzen hier an. Sozialpädagogische Diagnosen sind systematische Versuche, die Lebenslage eines Menschen oder einer Gruppe zu verstehen und Prognosen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation zu stellen. Es wird also nicht über, sondern mit allen Beteiligten gesprochen.
Recht: Steigende Fallzahlen, fehlende Vertraulichkeit
Waren es im Jahr 2012 noch etwa 30.000 gemeldete Fälle akuter Kindeswohlgefährdung, so sind es im Jahr 2023 etwa 64.000. Das ist eine Verdopplung innerhalb von zwölf Jahren. Als mögliche Gründe gelten die erhöhte Aufmerksamkeit in der Bevölkerung ebenso wie eine tatsächliche Zunahme der Gefährdungen. Da nicht alle Jugendämter Zahlen übermitteln, ist davon auszugehen, dass die eigentliche Zahl höher liegt.

Ein bislang ungelöster Widerspruch betrifft die Verschwiegenheit. Staatlich anerkannte Sozialarbeiterinnen sind ihren Klientinnen gegenüber an eine Schweigepflicht gebunden, müssen im Falle eines Strafverfahrens gegen eben diese jedoch aussagen. Sichtbar wurde das an den Strafbefehlen gegen Mitarbeitende eines Karlsruher Fanprojekts, die ihre Aussage verweigert hatten. Auch der 17. Kinder- und Jugendbericht empfiehlt inzwischen die Einführung eines Zeugnisverweigerungsrechts für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe.
Handlungsziele
Aus der Bestandsaufnahme folgen drei Richtungen. Politisch sollten Maßnahmen über eine Wahlperiode hinweg planbar sein und pädagogische Kompetenzen in den Händen der Fachkräfte liegen. Der Handlungsspielraum darf nicht eingeschränkt, sondern sollte ausgebaut werden. Jugendhilfe ist kein kommunales Phänomen, sie tritt in jeder Stadt, in jedem Landkreis und jedem Bundesland auf. Deshalb braucht es Austausch, Absprachen und gemeinsames Handeln, etwa bei der Abstimmung von Wohnheimplätzen, die derzeit teilweise über private Initiativen organisiert wird.

Sozialpädagogisch geht es um den erleichterten Zugang zum Beruf, um verbindliche Fortbildung und um Forschung, die abseits politischer Institutionen gefördert wird. Rechtlich sollten Kinderrechte im Grundgesetz gestärkt und von der elterlichen Sorge abgekoppelt werden, damit Kinderschutz und Kinderrechte über der elterlichen Sorge stehen. Ergänzend braucht es eine rechtliche Absicherung des Vertrauensverhältnisses, ohne das keine Maßnahme angenommen wird.
Für die Praxis heißt das, mit und nicht übereinander zu sprechen und Familien ganzheitlich zu betrachten, und innovative Projekte anregen. Für die Sozialpolitik heißt es, dass Kommunen bei den Hilfen zur Erziehung mehr oder direkt durch den Bund unterstützt werden sollten, weil die derzeitige Zerstückelung der Aufgabenbereiche einen optimalen Ablauf verhindert. Für die Wissenschaft bleibt eine Lücke offen, denn zur Zahl freier Plätze in der Kinder- und Jugendhilfe und zu möglichen Rückführungen in die Herkunftsfamilie ist die Datenlage spärlich. Jugendhilfe braucht eine echte Reformation, die vom Bund und Wissenschaft aus angestoßen gehört.
Literatur
- Andresen, Sabine / Böllert, Karin / Schröer, Wolfgang (2024): Kinder- und jugendpolitische Vorhaben jetzt nicht vergessen! Offener Brief. Berlin: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe.
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Rostock.
- Bündnis für ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit (2024): Soziale Arbeit unter Druck. Eingetroffene Strafbefehle im Fanprojekt Karlsruhe übertreffen alle Befürchtungen. Chemnitz.
- Fehmel, Thilo (2019): Sozialpolitik für die Soziale Arbeit. Baden-Baden: Nomos.
- Lambers, Helmut (2010): Systemtheoretische Grundlagen sozialer Arbeit. Opladen: Budrich.
- Mühlmann, Thomas et al. (2024): Kinder- und Jugendhilfereport 2024. Eine kennzahlenbasierte Analyse mit einem Schwerpunkt zum Fachkräftemangel. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
- Raabe, Benjamin (2023): Rechtsgutachten. Für ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit. Berlin: AWO Bundesverband.
- Statistisches Bundesamt (2024): Zahl der Kindeswohlgefährdungen im Jahr 2023 auf neuem Höchststand. Pressemitteilung Nr. 338 vom 6. September 2024. Wiesbaden.
- Tsokos, Michael / Etzold, Saskia (2015): Deutschland misshandelt seine Kinder. München: Knaur.
- Uhlendorff, Uwe (2010): Sozialpädagogische Diagnosen. 3. Auflage. Weinheim, München: Juventa.
Wissenschaftliche Arbeit
Diese Arbeit entstand auf Grundlage einer Bachelorarbeit: Heinsius, Peter (2025): Nachhaltige Kinder- und Jugendhilfe. Notwendigkeiten einer politischen, rechtlichen und sozialpädagogischen Neuorientierung.
