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Schwerpunkt Oktober 2026 I Sozialpolitik
Abstract
Thomas Münch fragt, wo die Soziale Arbeit steht, wenn über Sozialpolitik entschieden wird. Seine Antwort: Sie steht solidarisch an der Seite anderer Berufsgruppen und Gewerkschaften. Von ihr eine politische Avantgarde-Rolle zu erwarten, hält er für einen Kategorienfehler. Ob ihr selbst zugeschriebenes kritisches Potenzial echt ist, zeigt sich für ihn in der Praxis: Orientiert sie sich am Nutzen für die Adressat*innen, etwa mit Harm Reduction in der Drogenhilfe und Housing First in der Wohnungslosenhilfe? Oder hält sie an Paternalismus, Abstinenzmustern und „Drehtürhilfen“ fest?
Solidarische Soziale Arbeit
Zu hoffen ist, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Professionen in den Verbänden, Vereinen und öffentlichen Einrichtungen (also den zentralen Akteuren in der „Produktion von Wohlfahrt“) in der ersten Reihe bei jeder Demo gegen Sozialabbau stehen und dort lautstark ihre Interessen vertreten. Und darüber hinaus gewerkschaftlich organisiert sind und ganz klassisch gemeinschaftlich mit Müllwerkern, Hausmeistern, Rettungssanitätern, Ärzten und vielen anderen Berufsgruppen aus Verbänden, Vereinen und Verwaltungen die Sozialstaatlichkeit und ihre Interessen als Beschäftigte vertreten. Man nennt das Ganze dann Solidarität.
Die Vorstellung, dass die Professionellen in der Sozialen Arbeit eine wie auch immer geartete Avantgarde-Funktion haben könnten (also den übrigen Akteuren der Sozialpolitik in Analyse und Aktion vorangehen), taucht hier und da gerne in der universitären Sozialpädagogik auf, bleibt aber ansonsten eher im Reich der Fantasie. Vielleicht – aber das wäre eine andere Überlegung – ist genau dieses fantasiehafte, wolkige das Grundproblem der Idee einer Avantgarde. Oder aber, um Hannah Arendt zu zitieren, dass es „zum Wesen dieser [politischen] Prozesse gehört, dass ihr Resultat unabsehbar ist“ (Arendt 1992: 227). Und dass diese „Unabsehbarkeit“ als Freiheit zu verstehen ist.
Der doppelte Kategoriefehler
Von daher ist die Frage nach dem Standort der Sozialen Arbeit für mich einfach zu beantworten: Sie steht dort solidarisch mit anderen, wo über die Zukunft des Sozialstaates entschieden wird. Und zu erwarten, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis ein stärkeres Engagement zeigen als andere Professionen, ist schlicht und einfach ein Kategorienfehler. Vergleichbar der Auffassung – wie sie ein mit mir befreundeter Ökonom in seinen Publikationen vertritt –, dass die besitzenden Klassen mit ihrer kompletten Ausstattung bourdieuscher Kapitalien die politische Avantgarde sein sollen. Ein doppelter Kategorienfehler!
Das kritische potential der Profession
Interessant wird aber in diesem Kontext, wie denn das kritische Potenzial der Profession – das wir ihr als Akteure selbst zuschreiben, verursacht durch die Professionsgeschichte, den hohen Anteil an kritischen Wissenschaften in der Ausbildung und die tagtägliche praktische Konfrontation mit den gesellschaftlichen Widersprüchen in der Praxis – sich niederschlägt. Denn nur diese Praxis kann der Prüfstein eben dieser behaupteten Kritikfähigkeit sein.
Und hier wird es dann wirklich spannend. Werden die Kategorien „Nutzen“ und „Nichtnutzen“ – wie sie Anne van Rießen (vgl. van Rießen 2016) immer wieder durchdekliniert – zu zentralen Kategorien einer Praxis, die sich an den Lebenslagen und Bedarfen der Ratsuchenden orientiert? Oder bleibt hier der ganz alltägliche Paternalismus der Sozialfürsorge (oftmals natürlich semantisch verschönt) die Leitlinie?
Einrichtungen des „Nichtnutzens?
Orientiert sich die Drogenhilfe an den ganz konkreten, sich fortwährend verändernden Lebenslagen (wir erleben in den bundesdeutschen Großstädten eine Crack-Krise, wie sie Daniel Deimel schon vor Jahren prognostiziert hat) und Bedarfen der DrogennutzerInnen? Und reagiert sie mit einer klugen, bedarfsorientierten Hilfepraxis (Deimel 2024), mit „Harm Reduction“ und der Akzeptanz eines rechtlichen Graufeldes, mit der Akzeptanz des Mikrohandels? Oder bleiben hier alte Abstinenzmuster der „Suchthilfe“ die Leitlinie?

Und – um ein letztes Beispiel anzuführen – bleibt die klassische „Wohnungslosenhilfe“ bei ihren „Einrichtungen des Nichtnutzens“, deren Angebote man ganz empirisch als „Drehtürhilfen“ bezeichnen kann? Oder finden die nutzerorientierten Ansätze des „Housing First“, wie sie Kai Hauprich (vgl. Tsemberis/Hauprich 2025) und seine Mitstreiter erfolgreich in Köln, Düsseldorf und weiteren deutschen Großstädten (orientiert an den USA und Finnland) realisiert haben, die notwendige Unterstützung bei Verbänden und Kommunen? Für einen Ansatz, der direkt und praktisch Menschen ohne Wohnung eine Wohnung verschafft. Und erst nach Mietvertrag und Schlüsselübergabe nach möglichen weiteren Bedarfen fragt.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger
Drei exemplarische Beispiele aus der aktuellen Praxis der Sozialen Arbeit in Deutschland. Exemplarisch, weil hier aufgezeigt werden kann, dass die behauptete, immanent kritische Eigenheit und Eigentlichkeit der Sozialen Arbeit in einer Praxis gerinnt, die sich nicht der Affirmation des Bestehenden verschreibt. Sondern die, orientiert an den Bedarfen der Menschen ohne ausreichende „bourdieusche Kapitalausstattung“, an den Armen, den Ausgegrenzten, gemeinsam mit ihnen eine ganz konkrete Verbesserung ihrer Lebensumstände bewirkt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wer hat hier gerade was von „Kapitalismus“ gesagt? Wer nicht vom Kapitalismus reden will, soll vom „Doppelmandat“ ganz schweigen!
Literatur
- Arendt, Hannah. Vita Activa. München 1992.
- Deimel, Daniel u. a. Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Köln 2024.
- Van Rießen, Anne. Zum Nutzen Sozialer Arbeit. Wiesbaden 2016.
- Tsemberis, Sam und Kai Hauprich. Housing First. Köln 2025.
Zitiervorschlag
Münch, Thomas (2026): Wo steht die Soziale Arbeit, wenn über Sozialpolitik entschieden wird?. In: Agora-Sozial. Online unter https://agorasozial.de/soziale-arbeit-sozialpolitik-solidaritaet/

