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Kinder- und Jugendhilfe I November 2026
Abstract
Wie hilft Theorie dabei, auch in unvorhersehbaren Situationen professionell zu handeln? Anhand einer persönlichen Erfahrung aus der Sozialpädagogischen Familienhilfe zeigt der Beitrag, welche Bedeutung Selbstreflexion für die professionelle Praxis der Sozialen Arbeit hat. Im Mittelpunkt steht die systemisch-konstruktivistische Perspektive der Beobachtung zweiter Ordnung, die dazu anregt, eigene Wahrnehmungen, Deutungen und Erwartungen kritisch zu hinterfragen. Der Beitrag verdeutlicht, wie theoretische Reflexion dabei unterstützen kann, Unsicherheiten auszuhalten, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und das eigene Handeln fachlich zu begründen.
Wie Theorie im Alltag der Kinder- und Jugendhilfe trägt
Bevor ich an der Evangelischen Hochschule Bochum RWL zu lehren begonnen habe, arbeitete ich unter anderem als Fachkraft in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) im Bereich der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe. Rückblickend habe ich gerade in diesem Arbeitsalltag erfahren, was Theorie in der Kinder- und Jugendhilfe bedeuten kann. In der SPFH habe ich erlebt, dass Gespräche und Hausbesuche häufig anders verlaufen als von mir geplant, mich Reaktionen von Familien überraschen und zugleich fachliches Handeln erforderlich ist, obwohl ich eine Situation noch nicht abschließend einschätzen kann. Theorie hilft mir dabei, meine eigene Wahrnehmung zu prüfen, unterschiedliche Deutungen zuzulassen und mein Handeln fachlich zu begründen.
Eine Situation aus meiner Tätigkeit in der SPFH macht das für mich deutlich. Ich sitze mit einer Mutter, Frau Adani (Name geändert), in einem ruhigen Gesprächsraum. Frau Adani schweigt seit einigen Sekunden und schaut nach unten. Zunächst beschreibe ich damit nur, was ich beobachten kann. Gleichzeitig bemerke ich bei mir Unruhe. Ich werde nervös und habe den Impuls, sofort eine neue Frage zu stellen, damit das Gespräch weitergeht.
An diesem Punkt richtet sich mein Blick nicht mehr nur auf Frau Adanis Verhalten, sondern auch auf mein eigenes Erleben. Das Schweigen macht mich nervös und ich möchte die Stille möglichst schnell füllen. Dabei interpretiere ich das Schweigen möglicherweise bereits als Zeichen dafür, dass das Gespräch nicht gut läuft oder dass ich als Fachkraft gerade nicht „genug“ tue.
Meine eigene Unsicherheit wird damit zu einem Bestandteil der Situation. Mein Impuls zu handeln entsteht also auch aus meinem eigenen Bedürfnis, mich in dieser Situation als souverän, handlungsfähig und hilfreich zu erleben.
Greifbare Systemtheorie
Genau an diesem Punkt wird systemische Theorie für mich greifbar. Aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive hilft mir insbesondere die Beobachtung zweiter Ordnung. Sie richtet den Blick darauf, wie ich beobachte und deute, welche Bedeutung ich meiner Beobachtung zuschreibe und welche meiner eigenen Erwartungen dabei eine Rolle spielen. Ich kann nicht wissen, welche Bedeutung das Schweigen für Frau Adani hat. Es kann Nachdenken, Unsicherheit, Ablehnung, Erschöpfung oder etwas ganz anderes bedeuten. Zugleich bin ich als Fachkraft nicht nur Beobachterin, sondern selbst Teil des Geschehens. Durch meine Fragen, meine Reaktionen, mein Schweigen, meine Körpersprache und meine Erwartungen wirke ich darauf ein, wie sich das Gespräch weiterentwickelt. Ob ich die Stille aushalte oder unmittelbar interveniere, beeinflusst den weiteren Verlauf. Professionelle Reflexion bedeutet für mich deshalb, sowohl meine Wahrnehmungen und Deutungen als auch meine eigene Beteiligung an der Entstehung und Entwicklung einer Situation zu berücksichtigen. Für die beschriebene Situation mit Frau Adani könnte das für mich bedeuten, die Stille zunächst auszuhalten, meine eigene Unruhe wahrzunehmen und gegebenenfalls offen zu erkunden, wie Frau Adani die Situation gerade erlebt.
Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe erscheint mir diese Erfahrung zentral. Familien, Kinder, Jugendliche und junge Volljährige bringen eigene Erfahrungen, Deutungen und Vorstellungen darüber mit, was für sie hilfreich oder problematisch ist. Gleichzeitig handeln Fachkräfte innerhalb rechtlicher, organisationaler und professioneller Rahmenbedingungen. Fachlichkeit entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven und fachliches Wissen auf den konkreten Fall bezogen, geprüft und miteinander verbunden werden.
Ausblick
Für meine heutige Sicht auf Soziale Arbeit ist deshalb auch das Aushalten von Unsicherheit ein wichtiger Bestandteil professioneller Haltung. Professionell zu handeln bedeutet für mich, Beobachtung und Deutung unterscheiden zu können, die eigene Beteiligung an einer Situation zu berücksichtigen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Aus meiner früheren Tätigkeit in der SPFH und meiner heutigen Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit an der Hochschule weiß ich, dass Theorie mich gerade dort trägt, wo sie meine vermeintlichen Sicherheiten irritiert, meine Deutungen infrage stellt und weitere Perspektiven eröffnet. Sie hilft mir zu erkennen, dass meine Nervosität, meine Erwartungen an ein „gutes“ Gespräch und meine professionellen Vorstellungen mitbestimmen, wie ich eine Situation wahrnehme und gestalte. Gerade dadurch ermöglicht Theorie mir, auch unter Unsicherheit fachlich begründet zu handeln.
Zitiervorschlag
Vom Ende, Sandra (2026): Wie Theorie im Alltag der Kinder- und Jugendhilfe trägt: Selbstreflexion als Grundlageprofessionellen Handelns – Erfahrungen aus Praxis und Hochschule. In: Agora-Sozial. Online unter https://agorasozial.de/

