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Sozialpolitik I Oktober 2026
Abstract
Vor 25 Jahren sorgte Roland Merten mit dem Satz „Soziale Arbeit hat kein politisches Mandat!“ für einen handfesten Streit in der Fachwelt. Sigrid Leitner nimmt seine drei Einwände noch einmal auf und kommt zu dem Schluss, dass sich die Profession ihren politischen Auftrag längst selbst gegeben hat, getragen von Verbänden, Fachkräften, Hochschulen und Initiativen, über deren politisches Handeln man allerdings noch wenig weiß. Dass offen bleibt, wofür dieses Mandat inhaltlich steht, hält sie nicht für einen Mangel, sondern für eine Chance zur Selbstkritik. Am Ende geht es ihr weniger darum, für die Adressat:innen zu sprechen, als darum, dass diese selbst zu Wort kommen.
Einleitung
Die Zeitschrift Sozial Extra titelte in ihrer Mai/Juni Ausgabe im Jahr 2000: „Fliegende Fetzen“ und bezog sich damit auf eine Podiumsdiskussion anlässlich der Konferenz „Soziale Arbeit hat Zukunft“, bei der ein hoch emotionaler Streit um das politische Mandat Sozialer Arbeit entfacht wurde. Advocatus Diaboli war damals Roland Merten, heute Professor für Sozialpädagogik und außerschulische Bildung an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Auf die Frage, ob sich Soziale Arbeit angesichts der neoliberalen Wende und der zunehmenden sozialen Ungleichheit in den 1990er Jahren nicht wieder stärker auf ihr politisches Mandat besinnen sollte, antwortete er provokant: „Nein, Soziale Arbeit hat kein politisches Mandat!“ und löste damit einen Sturm der Entrüstung auf dem Podium und im Publikum aus. Merten begründete seine Position mit drei kritischen Fragen, die im Folgenden aus heutiger Sicht und mit Rückgriff auf die in den letzten 25 Jahren gewonnenen Erkenntnisse zum politischen Handeln Sozialer Arbeit reflektiert werden sollen:
1. Wer hat das Mandat erteilt?
Die Frage nach der Legitimierung politischen Handelns ist eine grundsätzliche und kann nur aus dem normativen Selbstverständnis der Profession abgeleitet werden. Denn ein „echtes“ politisches Mandat, das über demokratische Wahlen ein Repräsentationsrecht auf individuelle Abgeordnete überträgt, gibt es in der Sozialen Arbeit nur in seltenen Fällen, wenn einzelne Sozialarbeiter:innen in politische Ämter gewählt werden. Ob sie dann allerdings tatsächlich die Interessen ihrer ehemaligen Adressat:innen vertreten, ist keineswegs automatisch garantiert (vgl. Kindler et al. 2025).
Der Vorwurf Mertens, die Soziale Arbeit hätte eventuell „einen Ruf gehört, den andere gar nicht ausgesandt haben“ (2000: 19), läuft insofern ins Leere, als sich die politische Selbstmandatierung als Teil der professionellen Identität manifestiert. Die professionsethische Positionierung von Sozialarbeiter:innen zu sozialpolitischen Fragen erscheint im Sinne des Tripelmandats als unausweichlich. Staub-Bernasconi (2000) argumentiert sogar, dass die Soziale Arbeit erst dadurch von einem Beruf zu einer Profession wird, indem sie ihre eigene Fachlichkeit im Handeln vorrangig berücksichtigt und ggf. auch über den staatlichen Auftrag oder die Interessen der Adressat:innen stellt.
Etwas weniger aufgeladen, aber ebenso normativ nehmen die internationale Definition Sozialer Arbeit, die professionsethischen Leitlinien des deutschen Berufsverbands Sozialer Arbeit (DBSH), das Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) sowie der Qualifikationsrahmen des Fachbereichstags Soziale Arbeit (FBTS) Bezug darauf, dass die Arbeit an Strukturen zu den Aufgaben der Profession zähle.
Die Profession erteilt sich somit eindrucksvoll selbst einen fachlichen Auftrag, der auch politisches Handeln beinhaltet.

2. Wer genau ist gemeint mit „die Soziale Arbeit“?
Merten hinterfragt hier kritisch, inwieweit die Berufspraxis, die Hochschulen oder die berufsständischen Organisationen überhaupt politisch handeln bzw. von welchen Akteuren das politische Mandat ausgeübt werden soll. Dazu liegen zwischenzeitlich erste empirische Erkenntnisse, zumindest zur Berufspraxis, vor. Grundsätzlich kann zwischen individuellen und kollektiven Akteuren in den genannten Bereichen unterschieden werden, wobei in der internationalen Forschung zumeist die policy practice einzelner Sozialarbeiter:innen im Fokus steht (Gal/Weiss-Gal 2022).
Demgegenüber sind im deutschen Kontext Politikprozesse stark von kollektiven Akteuren geprägt. Insbesondere den Wohlfahrtsverbänden kommt im korporatistischen System die Funktion der politischen Einmischung zu, zumal sie sich auch selbst als advokatorische Interessenvertretung für ihre Adressat:innen verstehen. Empirisch zeigt sich, dass sie durchaus als kollektive Akteure Sozialer Arbeit in sozialpolitischen Reformprozessen agieren (Einhorn et al. 2026), während individuelle Sozialarbeiter:innen ihr politisches Handeln eher auf innerorganisatorische und kommunalpolitische policy practice begrenzen (Schein 2026; Einhorn 2025; Burzlaff et al. 2025).
Darüber hinaus gibt es in der Sozialen Arbeit eine Vielzahl an Zusammenschlüssen, z. B. innerhalb eines Stadtteils oder entlang einzelner Handlungsfelder, denen neben Sozialarbeiter:innen auch Vertreter:innen anderer Fachdisziplinen sowie mitunter auch Adressat:innen Sozialer Arbeit angehören können. Benz (2013) spricht von „komplexen Akteuren“ und unterteilt diese in eher lose organisierte aggregierte, interessenbasierte kollektive und hierarchisch organisierte korporative Akteure. Bislang gibt es kaum empirische Untersuchungen zum politischen Handeln dieser Akteure der Berufspraxis.
Politisches Handeln Sozialer Arbeit ist durch eine Akteursvielfalt geprägt, die zwar kaum empirisch beforscht ist, aber dennoch existiert und agiert.Wissenschaftlichkeit bedeutet nicht Herzlosigkeit.
Dies gilt auch in Bezug auf die Hochschulen, an denen sich individuelle Wissenschaftler:innen in der Politikberatung engagieren und kollektive Organisationen der Disziplin mit politischen Stellungnahmen aktiv sind, z.B. zuletzt die DGSA zur Bürgergeld-Reform.
Die politische Rolle der berufsständischen Organisationen ist bislang ebenfalls nur in Ansätzen untersucht. Die bereits von Merten festgestellte „schwächelnde Selbstorganisationsfähigkeit“ (2000: 19) der Sozialarbeiter:innen wurde u.a. mit der Heterogenität der Arbeitsfelder und einer daraus resultierenden fragmentierten Interessenlage erklärt, die ihrerseits auf eine Vielfalt an Gewerkschaften, Fach- und Berufsverbänden trifft. Der DBSH als einziger generalistischer Berufsverband für die Soziale Arbeit ist mit ca. 6.000 Mitgliedern und einem Organisationsgrad von 1,8% politisch von geringer Bedeutung, auch wenn er sich selektiv durchaus öffentlichkeitswirksam für Themen der Sozialen Arbeit einsetzt, zuletzt durch die Kampagne #dauerhaftsystemrelevant (Kulke et al. 2026).
Zugespitzt formuliert: Politisches Handeln Sozialer Arbeit ist durch eine Akteursvielfalt geprägt, die zwar kaum empirisch beforscht ist, aber dennoch existiert und agiert.
3. Wie sieht das politische Mandat inhaltlich aus?
Häufig wird auf diese Frage mit dem inhaltlich-normativen Bezug auf die Menschenrechte geantwortet: Soziale Arbeit sei eine Menschenrechtsprofession (dazu kritisch: Sozial Extra 6/2020). In dieser Abstraktheit ist vielleicht tatsächlich der kleinste gemeinsame Nenner gefunden, mit dem sich alle Sozialarbeiter:innen identifizieren können. Aber reicht das aus, um tatsächlich politisch handlungsfähig zu sein? Konkrete Problemkonstellationen können durch unterschiedliche Maßnahmen bearbeitet werden, die in ihrer Widersprüchlichkeit dennoch menschenrechtskonform sein können. Was ist also mit dem normativen Fluchtpunkt der Menschenrechte gewonnen? Auch das Ziel der sozialen Gerechtigkeit bietet keine eindeutige Orientierung, genauso wie nicht alle Sozialarbeiter:innen im linken politischen Spektrum verortet sind.
Was politische Akteure Sozialer Arbeit inhaltlich vertreten, hängt von ihren eigenen Werten und Normen ab, es erfolgt keine direkte Repräsentation von Adressat:inneninteressen. Das heißt nicht, dass komplett an der Professionsethik und dem Anspruch der advokatorischen Interessenvertretung vorbei agiert wird. Aber das Spektrum der inhaltlich-normativen Bezugnahmen ist größer, als es die vereinheitlichende Rede von der Menschenrechtsprofession suggeriert, was im Übrigen einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft auch besser entspricht.
Das politische Mandat ist also inhaltlich nur vage skizziert, und das ist auch gut so, weil es die Akteure Sozialer Arbeit herausfordert, sich immer wieder selbstkritisch zu positionieren. In diesem Sinne kann auch advokatorische Interessenvertretung immer nur die zweitbeste Lösung sein. Der Königsweg liegt hingegen in der Befähigung der Adressat:innen, für sich selbst zu sprechen.
Literatur
- Nachname, VornBenz, Benjamin (2013): Politische Interessenvertretung in der Sozialen Arbeit, in: Benjamin Benz, Günter Rieger, Werner Schönig und M. Többe-Schukalla (Hrsg.), Politik Sozialer Arbeit. Band 1. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 70-84.
- Burzlaff, Miriam, Tobias Kindler and Talia Schwartz-Tayri (2025): The engagement in policy practice of social workers in Germany and Switzerland – A comparative study, in: British Journal of Social Work, doi: https://doi.org/10.1093/bjsw/bcaf010
- Einhorn, Laura (2025): Practices of resistance in social work: navigating power in a local social work programme in Germany, in: Critical and Radical Social Work, https://doi.org/10.1332/20498608Y2025D000000090
- Einhorn, Laura, Simone Leiber, Sigrid Leitner, Corinna Schein und Christopher Smith Ochoa (2026): The importance of collective actors for social work policy practice: Lessons from the German case, in: British Journal of Social Work, https://doi.org/10.1093/bjsw/bcag012
- Gal, John und Idit Weiss-Gal (2022): When Social Workers Impact Policy and Don’t Just Implement It: A Framework for Understanding Policy Engagement. Bristol: Policy Press.
- Kindler, Tobias, Sigrid Leitner, Eva Maria Löffler und Klaus Stolz (Hrsg.) (2025): Social Workers in Political Office. A Comparative Perspective on Recruitment, Career Patterns and Social Advocacy. Bristol: Policy Press.
- Kulke, Dieter, Iris Kohlfürst und Tobias Kindler (2026): A comparative perspective on Social Work Professional Organizations in Austria, Germany, and Switzerland, in: Riccardo Guidi (Hrsg.), Social Work Professional Organizations. A Comparative International Perspective. Bristol: Policy Press, S. 61-82.
- Merten, Roland (2000): Soziale Arbeit hat kein politisches Mandat, aber einen professionellen Auftrag, in: Sozial Extra 24 (5/6), S. 17-20.
- Schein, Corinna (2026): From social work practice to policymaking: Social policy problems and the flow of information within German welfare associations. In: European Journal of Social Work, S. 1–13. https://doi.org/10.1080/13691457.2025.2607707
- Staub-Bernasconi, Silvia (2000): Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, in: Franz Stimmer (Hrsg.), Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit. 4. Auflage. München und Wien: Oldenbourg, S. 626-632.ame (Jahr): Titel. Ort: Verlag.
Zitiervorschlag
Leitner, Sigrid (2026): Soziale Arbeit als politische Akteurin – Was bleibt vom Streit um das politische Mandat?. In: Agora-Sozial. Online unter https://agorasozial.de/politisches-mandat-soziale-arbeit/

